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Das Feld bereiten
Die gegenwärtige Phase in der Entwicklung der Vegan Society ist gekennzeichnet durch eine Konzentration der Aufmerksamkeit auf die Implikationen der Frage: „Was ist Veganismus?"
Hinter dieser entwaffnend einfachen Frage steckt weit mehr — viel mehr —, als auf den ersten Blick erscheint. Zunächst müssen wir unseren Geist von gewissen Annahmen befreien; erkennen etwa, dass wir, wenn wir sagen „Veganismus ist dies oder jenes", in Wahrheit sagen: „Meine Vorstellung vom Veganismus ist dies oder jenes." Denn es gibt nichts in der Satzung der Vegan Society, das erklärte, was Veganismus ist.
Die Tatsache, dass die Gesellschaft ihre gegenwärtige Position erreicht hat, ohne das Licht, das sie widerzuspiegeln versucht, in irgendeiner präzisen Weise definiert zu haben, braucht uns nicht zu beunruhigen. Es gab gute, wenn auch vielleicht unerkannte Gründe, weshalb keine Definition versucht werden sollte, bis die Gesellschaft einen bestimmten Punkt auf ihrem Weg erreicht hätte. Was uns jedoch zu denken geben muss, ist das wachsende Gefühl, dass ein solcher Punkt nun nicht mehr fern ist — dass der begrenzte Zeitraum, in dem das Fehlen einer Definition nützlich und wünschenswert ist, sich seiner Erschöpfung nähert.
Die Art und Weise, in der unsere Bewegung sich mit einer vereinbarten Definition versehen kann, ist natürlich die durch die Mehrheitszustimmung einer ordentlichen oder außerordentlichen Mitgliederversammlung und durch die Aufnahme dieser Zustimmung (in Form einer kurzen Definition), sei es als eine der Regeln der Gesellschaft, sei es als Präambel zu den Regeln, sei es durch ein anderes satzungsmäßiges Mittel. Obgleich dieses Verfahren einfach erscheint, ist die Aufgabe, die richtige Definition zu finden und zu erkennen, verwickelter, als man zunächst denken möchte. Denn die Gesellschaft hat in kurzer Zeit einen weiten Weg zurückgelegt, und wenn wir uns ein angemessenes Bild von dem verschaffen wollen, worum es geht, müssen wir zumindest einen kurzen Blick auf das Feld werfen, das wir bereits durchschritten haben.
Im Juli 1943 erschien im „The Vegetarian Messenger" ein Brief über die Verwendung von Milcherzeugnissen durch Vegetarier. Der Briefwechsel zu diesem Thema wurde etwas länger als zwölf Monate fortgeführt, worauf in derselben Zeitschrift eine von Donald Watson aus Leicester unterzeichnete Aufforderung erschien, die Vegetarier, die daran interessiert waren, ohne Milcherzeugnisse zu leben, bat, ihm zu schreiben, und er erhielt etwa 50 Antworten. In den anschließenden Verhandlungen weigerte sich die Vegetarian Society, der Bildung einer „milchfreien" Gruppe innerhalb ihrer Reihen zuzustimmen, und schlug selbst vor, eine solche Gruppe könne außerhalb der Vegetarian Society gebildet werden. Diese kleine Gruppe von Personen, die Herr Watson zusammenführte, wurde so zur embryonalen Organisation, die schließlich als die Vegan Society bekannt wurde.
Im November 1944 erschien die erste Ausgabe der „The Vegan News". Die Organisation hatte einige Dutzend Mitglieder, und das Wort „vegan" war soeben von Herrn Watson als einer der Vorschläge für den Namen der neuen Gruppe angenommen worden. Von beiläufigem Interesse ist, dass zu den anderen Vorschlägen Dairyban, Alvegan, Vitan, Benevore, Bellevore und einige umständliche Bezeichnungen wie Total Vegetarian Group (Vollständig Vegetarische Gruppe) gehörten. (Wir dürfen uns über die endgültige Wahl in der Tat erleichtert fühlen!)
Das Editorial der ersten „Vegan News" erklärte: „Wir sehen ganz deutlich, dass unsere gegenwärtige Zivilisation auf der Ausbeutung der Tiere errichtet ist, ebenso wie vergangene Zivilisationen auf der Ausbeutung von Sklaven errichtet waren…" (Dies war ein früher Hinweis darauf, dass der milchfreie Vegetarismus dazu bestimmt war, nicht mehr als ein Teil der allgemeinen Philosophie der neuen Bewegung zu sein.) Die dritte Ausgabe (Mai 1945) erklärte, Veganismus sei die Praktik, von Obst, Nüssen, Gemüse, Getreide und anderen bekömmlichen nicht-tierischen Nahrungsmitteln zu leben. (Es wäre vielleicht genauer gewesen zu sagen, nicht dass Veganismus das Leben von solchen Nahrungsmitteln ist, sondern dass er es mit sich bringt.) Die vierte Ausgabe (August 1945) erklärte: „Das Ziel der Vegan Society ist es, sich der Ausbeutung fühlenden Lebens zu widersetzen, ob es einträglich ist, dies zu tun, oder nicht." (Dies ist eine beträchtliche Erweiterung der ursprünglichen „milchfreien" Motivation.)
Die Vegan Society wurde im satzungsmäßigen Sinne am 15. März 1947 gegründet, als eine außerordentliche Mitgliederversammlung zum ersten Mal ein Regelwerk verabschiedete. Es gab jedoch noch immer keinen Versuch, eine vereinbarte Definition des Veganismus zu finden. Regel 2, die drei der vielen möglichen „Ziele" der Gesellschaft festlegte, schwieg — und schweigt — über viele andere Ziele, die ebenso gut als „vegan" betrachtet werden könnten. Die genannten Ziele beziehen sich nur auf Ernährung, Waren und die Verbreitung der veganen Lehre. Sie erwähnen keine anderen Ziele, die ebenso gut als vegan betrachtet werden könnten — Ziele etwa wie den Widerstand gegen die Jagd, gegen Tierversuche, gegen Tiere in Vorführungen und gegen die Kastration und Versklavung von Tieren für Transport und andere Arbeit. Vor allem aber sind sie keine Definition des Veganismus, noch geben sie vor, eine zu sein.
Die Vegan Society ist daher bis auf den heutigen Tag eine Gruppe von Personen, die sich als Antwort auf einen intuitiven Anstoß zusammengefunden haben, der noch nicht in Worten kristallisiert ist. Obgleich die unmittelbare Ursache für das Entstehen des Veganismus das zwingende Verlangen einiger weniger Personen war, ihren Vegetarismus folgerichtig zu machen, war der milchfreie Vegetarismus in Wahrheit nicht mehr als der Auslöser, der den Veganismus in die Welt der alltäglichen Dinge entließ. Das Weglassen einer verbindlichen Definition des Veganismus zu jenem Zeitpunkt war eine historische Notwendigkeit, sollte er die Zeit haben, die er brauchte, um in Vollständigkeit und Stärke hervorzutreten.
Es ist jedoch dann, wenn wir uns von der Vergangenheit abwenden — ohne sie zu vergessen —, dass wir uns zu der Überlegung gezwungen sehen, ob der kritische Zeitpunkt, an dem die Wesenheit „Veganismus" als vollständig hervorgetreten gelten kann, nicht dicht vor uns liegt. Wenn dem so ist, dann ist die Schlussfolgerung, dass eine Definition nun notwendig ist, unausweichlich. Denn die Gesellschaft wird sich einer jener Wegscheiden nähern, denen sich jede evolutionäre Organisation von Zeit zu Zeit gegenübersieht. Von den Wegen, die vor uns liegen, wird der eine der Weg eines unbestimmten „Veganismus" sein, der für seine Bedeutung von einer Fülle individueller Auslegungen abhängt, die durch keine vereinbarte Standarddefinition überprüft und überprüfbar sind; der andere der Weg eines bestimmten, klaren und präzisen „Veganismus", der die Zustimmung und Treue jeder Person haben wird, die der Gesellschaft beitritt.
Die Lockerheit der Organisation, die die vegane Bewegung bisher gekennzeichnet hat, war ohne Zweifel die richtige Art der Organisation für die frühen Stadien einer Bewegung, die eine so neue und so lebenswichtige Idee auszudrücken sucht, wie sie zweifellos hinter dem Namen „vegan" liegt. Doch wenn ich mit meiner Ansicht recht habe, liegt die Bedeutung der gegenwärtigen Lage darin, dass die Lockerheit der Organisation und das Fehlen einer Definition sich dem Punkt nähern, an dem sie nicht nur aufhören, nützlich und sogar wesentlich zu sein, sondern Gefahr laufen, zu Werkzeugen der Reaktion zu werden. Wenn es wahr ist, dass es in den frühen Stadien notwendig war, dass die verschiedenen Aspekte des Veganismus gleichsam „in Lösung" gehalten wurden, so ist es ebenso wahr, dass, wenn der Prozess seinen natürlichen Lauf fortsetzen soll, die Kristallisation innerhalb einer angemessenen Zeit folgen muss. Vor allem anderen bedeutet dies das Hervortreten einer anerkannten Definition dessen, was uns als Gesellschaft Sein verleiht — einer Definition, die satzungsmäßig und daher für alle verbindlich ist, die unserer Bewegung beitreten.
Die Natur der Entwicklung der Vegan Society legt nahe, dass die Form, in der die Definition vollzogen werden sollte, die Form eines Prinzips ist, aus dem sich bestimmte Praktiken folgerichtig ableiten, und nicht die Form einer Reihe von Praktiken oder Zielen. Auf seiner höchsten Ebene kann der Veganismus nicht zugleich Praktik und Prinzip sein, und ihn zu einer Reihe von Praktiken zu machen, wird endlose Auseinandersetzungen darüber nach sich ziehen, welche Art von Praktiken einzubeziehen und welche wegzulassen sind, und wird zugleich versäumen, einen vereinbarten Bezugsmaßstab bereitzustellen, an dem ihre Zulässigkeit überprüft werden kann.
Die Suche nach einem solchen Prinzip ist keine erfinderische Aufgabe, sondern eine Entdeckungsreise. Das Prinzip existiert — es ist unsere Aufgabe, es zu finden, vielleicht die wichtigste Aufgabe, die wir vor uns haben. Wenn mein Glaube berechtigt ist, so ist es ein Prinzip, das eines Tages auf die Welt in ganz ähnlicher Weise einwirken wird, wie es die Bewegung zur Abschaffung der menschlichen Sklaverei tat. Ich hoffe, in einem späteren Artikel anzudeuten, wie es entdeckt werden kann und — was vielleicht wichtiger ist — anzudeuten, wie es als Verkörperung der Bestimmung der veganen Bewegung erkannt werden kann. Doch wie auch immer unsere individuellen Ansichten aussehen mögen, wir müssen dieser Aufgabe Gedanken widmen, denn wir müssen gewiss sein, dass das, was wir schließlich entscheiden, das Beste ist, dessen wir gemeinsam fähig sind.
— Leslie J. Cross